Um kurz vor halb sechs hörte ich, wie die Zimmertür ging. Mein damals fünfjähriger Sohn stand im Schlafanzug und Gummistiefeln im Flur und erklärte mir, der Bauer sei schon im Stall und er müsse jetzt runter. Wir hatten ihn zuhause nie vor sieben aus dem Bett bekommen. Eine Woche lang war das Melken die einzige Uhrzeit, die für ihn zählte.
Genau dafür fahren Familien ins Allgäu auf den Bauernhof. Nicht wegen der Ausstattung, nicht wegen des Wanderwegs vor der Tür, sondern weil dort ein Betrieb läuft, in den Kinder hineinrutschen können. Das Allgäu liegt im Süden Bayerns, mit einem kleinen Zipfel in Baden-Württemberg, und es ist eine der Regionen, in denen dieses Modell noch flächendeckend funktioniert.

Warum hier fast jeder Hof ein Milchviehbetrieb ist
Das Allgäu ist Grünland. Für Ackerbau ist das Klima zu feucht und der Boden zu hügelig, für Wiesen und Weiden ideal. Daraus ist über Generationen eine Landwirtschaft entstanden, die auf Milch aufbaut, mit Braunvieh und Fleckvieh im Stall und Käsereien in den Tälern.
Für Familien hat das eine praktische Folge. Auf einem Milchviehhof passiert jeden Tag zweimal etwas, morgens und am späten Nachmittag. Kinder erleben also einen verlässlichen Rhythmus statt einzelner Vorführungen. Dazu kommt die Alpwirtschaft: Ein Teil der Tiere verbringt den Sommer oben auf den Alpflächen und kommt im Frühherbst wieder ins Tal. Das ist keine Inszenierung für Gäste, sondern der Grund, warum diese Landschaft aussieht, wie sie aussieht.
Die Stallzeiten geben den Tag vor
Wer zum ersten Mal auf einem Arbeitshof wohnt, unterschätzt das. Morgens zwischen fünf und sieben und nachmittags zwischen halb fünf und sieben ist Melkzeit, und in diesen Fenstern ist die Bauernfamilie beschäftigt. Wenn deine Kinder dabei sein wollen, richtet ihr euren Tag danach.
Das klingt nach Einschränkung und ist in Wahrheit das Beste am Format. Der Vormittag zwischen acht und halb zwölf gehört euch, dann Mittagspause, nachmittags eine Unternehmung, und um fünf sind alle wieder im Hof. Kinder, die diesen Ablauf drei Tage lang mitgemacht haben, brauchen keine Animation mehr. Sie wissen, wo sie hingehören.
Was Kinder auf dem Hof tatsächlich tun
Die ehrliche Antwort: viel Wiederholung, wenig Spektakel. Kälber mit der Nuckelflasche füttern, Hasen und Hühner versorgen, Eier einsammeln, den Katzen hinterherlaufen, im Stall zuschauen, wie die Melkanlage angehängt wird. Auf Höfen mit Ponys kommt Führen und Putzen dazu, seltener echtes Reiten.
Die Traktorfahrt ist auf fast jedem Hof das Highlight, und sie findet meist einmal in der Woche statt, nicht täglich. Ansonsten spielen Kinder erstaunlich lange mit Dingen, die keine Anleitung brauchen: Strohballen, Bollerwagen, ein Bach hinter der Wiese. Nach zwei Tagen bilden sich Gruppen über die Gastfamilien hinweg, und ab dann siehst du deine Kinder hauptsächlich zu den Mahlzeiten.

Ab welchem Alter sich das lohnt
Der beste Bereich liegt etwa zwischen drei und zehn Jahren. In dieser Spanne ist der Hof selbsterklärend, die Kinder trauen sich an die Tiere und können sich ohne ständige Begleitung bewegen, weil das Gelände überschaubar ist.
Unter drei geht es auch, dann aber eher für die Eltern als für das Kind. Ein Zweijähriger findet Traktoren großartig und braucht trotzdem durchgehend jemanden an der Hand, weil ein Wirtschaftshof kein Spielplatz ist. Ab etwa elf wird es dünner. Jugendliche brauchen ein zweites Thema neben dem Stall, sonst ist die Woche nach drei Tagen erzählt. Bikepark, Kletterhalle oder Bergbahn in der Nähe lösen das.
Was die Höfe an Ausstattung bieten
Der Begriff Bauernhofurlaub deckt sehr unterschiedliche Betriebe ab. Am einen Ende steht der Hof mit zwei Ferienwohnungen im umgebauten Stallteil, wo Urlaub Nebenerwerb ist und Kinder einfach mitlaufen. Am anderen Ende steht der spezialisierte Betrieb mit Spielscheune, Hüpfkissen, Streichelgehege und Betreuung an mehreren Tagen der Woche.
Beides hat seine Berechtigung. Der kleine Hof ist ruhiger und näher am echten Betrieb, der große ist verlässlicher, wenn es regnet, weil eine überdachte Spielfläche dann Gold wert ist. Erkennbar sind die Unterschiede meist an der Zahl der Ferienwohnungen. Prüfen lässt sich das mit einer einfachen Frage an den Vermieter: Wie viele Familien sind in unserer Woche außer uns noch da.
Orte, an denen das Angebot dicht ist
Oberstaufen im Westallgäu hat viele Höfe in den Weilern rundherum und dazu ein Ortszentrum mit Bergbahnen. Missen-Wilhams liegt etwas abseits und ist deutlich ländlicher, gut für Familien, die Ruhe suchen. Rettenberg am Fuß des Grünten ist Milchviehland mit Blick auf die ersten hohen Berge und für Ausflüge ins Oberallgäu günstig gelegen.
Sonthofen ist die größte Stadt im Oberallgäu und selbst kein Hofziel, taugt aber als Ankerpunkt: Einkaufen, Hallenbad, Bahnhof, und die Höfe liegen in den umliegenden Gemeinden. Nesselwang im Ostallgäu ist die Adresse für Familien aus Norddeutschland, weil die Anfahrt über die Autobahn kurz ausfällt und die Alpspitzbahn im Ort liegt.
Der Herbst ist auf dem Hof eine eigene Jahreszeit
Im Spätsommer und Frühherbst kommen die Tiere von den Alpflächen zurück ins Tal. Im Allgäu heißt dieser Tag Viehscheid, und in mehreren Gemeinden ist er das größte Ereignis des Jahres, mit geschmückten Kranzrindern und viel Publikum. Die meisten Viehscheide liegen im September und damit vor den Herbstferien der meisten Bundesländer. Wer den Termin mitnehmen will, muss die Reise darauf legen und früh buchen, weil die Orte an diesen Tagen voll sind.
Auch ohne Viehscheid ist der Herbst auf dem Hof dichter als der Hochsommer. Die letzten Schnitte werden eingefahren, Holz wird gemacht, die Tiere stehen wieder häufiger im Stall, und damit rückt die Arbeit näher an die Ferienwohnung. Für Kinder ist das oft die bessere Jahreszeit, weil im Stall mehr los ist als auf der leeren Sommerweide.

Das Wetter im Oktober ist zweigeteilt
Im Allgäu bekommst du im Herbst beides. Es gibt Wochen mit Nebel im Tal, klarer Sicht auf den Höhen und trockenem Laub, und es gibt Wochen mit Dauerregen, in denen die Wiesen nicht mehr abtrocknen. Über 1000 Meter kann bereits Schnee liegen, während unten noch die Kühe draußen sind.
Für die Packliste heißt das Regenhose und feste Schuhe für jedes Kind, nicht nur für das Wanderkind. Für die Planung heißt es, zwei Schlechtwetterziele vorher zu kennen. In Frage kommen die Hallen- und Erlebnisbäder in Sonthofen, Immenstadt und Oberstaufen, eine der Schaukäsereien im Oberallgäu, das Bergbauernmuseum in Diepolz oder eine der Klammen, die auch bei Regen begehbar sind. Bergbahnen fahren bei tiefen Wolken meist trotzdem, nur sieht man oben dann nichts.
Wandern rund um den Hof, ohne dass es Streit gibt
Das Allgäu verführt dazu, sich zu viel vorzunehmen. Mit Kindern funktionieren im Herbst am besten kurze Runden mit einem Ziel, das man essen kann. Viele Alpen und Berggasthöfe haben bis in den Oktober geöffnet, danach schließen sie nach und nach. Ein Anruf am Vortag klärt das.
Bewährt hat sich bei uns die Kombination aus Bergbahn hoch und Wanderung runter. Der Weg nach unten fühlt sich für Kinder wie eine Belohnung an, und die Bahn nimmt den Teil weg, an dem sonst das Gejammer beginnt. Rund um Oberstaufen, Nesselwang und den Grünten gibt es dafür passende Anlagen. Wer lieber im Tal bleibt, findet an fast jedem Hof Feldwege, auf denen Kinder mit dem Roller oder Laufrad vorausfahren können.

Anreise mit Auto und Bahn
Kein Flugzeug nötig. Aus dem Norden führt die A7 direkt bis kurz vor das Ostallgäu, aus dem Westen die A96 Richtung Lindau ins Westallgäu. Von München und Stuttgart aus ist das eine Fahrt von einem halben Vormittag, aus dem Ruhrgebiet oder Hamburg eine Tagesetappe, die man mit einer Zwischenübernachtung entspannter macht.
Mit der Bahn kommst du über Ulm oder Kempten bis Immenstadt, Sonthofen, Oberstaufen und Nesselwang. Der letzte Abschnitt zum Hof ist fast immer ein Bus oder eine Abholung. Frag beim Hof direkt nach, viele holen Gäste am Bahnhof ab. Ohne Auto vor Ort brauchst du dann eine Gästekarte für den Nahverkehr, die es in vielen Allgäuer Orten gibt.
Woran du einen passenden Hof erkennst
Die Beschreibungen klingen alle ähnlich. Aufschluss geben zwei Fragen, die du vor der Buchung stellen kannst. Erstens: Welche Tiere stehen im Herbst tatsächlich im Stall und dürfen Kinder mitversorgen. Zweitens: Gibt es feste Zeiten, zu denen Gästekinder mitgehen dürfen, oder läuft das nach Absprache.
Die Antworten trennen den Hof, der Kinder mitarbeiten lässt, von dem Betrieb, der Ferienwohnungen mit Blick auf Wiesen vermietet. Beides kann eine gute Woche werden. Aber es sind zwei verschiedene Urlaube, und der Unterschied fällt spätestens am zweiten Tag auf, wenn ein Kind zum dritten Mal fragt, wann es endlich in den Stall darf.

Beliebte Familien-Aktivitäten in Allgäu
🏡 Familienunterkünfte in Allgäu
☀️ Praktische Tipps für euren Familienurlaub
- Plant den Tag um die Melkzeiten am frühen Morgen und am späten Nachmittag. In diesen Fenstern dürfen Kinder auf den meisten Höfen mit in den Stall.
- Fragt vor der Buchung, welche Tiere im Herbst im Stall stehen und ob Gästekinder feste Zeiten zum Mitversorgen haben.
- Regenhose und feste Schuhe für jedes Kind einpacken. Im Oktober trocknen die Wiesen im Allgäu oft tagelang nicht ab.
- Wer den Viehscheid erleben will, muss die Reise auf September legen und sehr früh buchen.
- Bergbahn hoch und zu Fuß runter funktioniert mit Kindern besser als der Aufstieg. Vorher prüfen, ob die Alpen noch geöffnet haben.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter lohnt sich Bauernhofurlaub im Allgäu?
Welche Orte im Allgäu haben viele Bauernhöfe für Familien?
Was passiert im Herbst auf einem Allgäuer Hof?
Kommt man ohne Auto ins Allgäu?
Beliebte Ziele für den Herbsturlaub
Wetter, Unterkünfte und Ausflugsziele je Region, aus unserer Buchungssuche.
Bereit für den nächsten Familienurlaub?
Finde Familienhotels mit Spielplatz, Supermarkt und Eisdiele in der Nähe — mit dem Umkreis-Check.
Jetzt Familienhotels finden →




