In Linthal habe ich das Auto abgestellt, den Schlüssel in die Jackentasche gesteckt und ihn eine Woche lang nicht mehr gebraucht. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, worauf wir uns eingelassen hatten. Vor uns stand der Wagen der Standseilbahn, daneben ein Haufen Skisäcke, und unsere Kinder haben bereits angefangen, das Gepäck in die richtige Richtung zu schieben, ohne dass sie jemand darum gebeten hatte.
Braunwald liegt im Kanton Glarus auf einer Terrasse über dem Tal, und du kommst dort nur mit dieser einen Bahn hinauf. Keine Straße, kein Parkplatz oben, keine Ausnahme. Das ist der Kern von allem, was diesen Ort für Familien ausmacht, im Guten wie im Unbequemen.

Was autofrei im Alltag tatsächlich heißt
Autofrei klingt in Prospekten nach einem Lifestyle-Versprechen. In der Praxis ist es zuerst eine Frage der Logistik. Du parkst unten in Linthal, du lädst alles in die Bahn, und oben übernimmt der Weitertransport. Viele Unterkünfte holen das Gepäck mit einem Elektrofahrzeug oder einem Schlitten ab, teils braucht es eine Anmeldung vorher. Kläre das bei der Buchung, sonst stehst du oben mit vier Koffern im Schnee und suchst jemanden.
Der zweite Punkt ist der Fahrplan. Die Bahn fährt nicht durchgehend, sondern nach Plan, und der letzte Wagen am Abend ist der letzte. Wer unten im Tal noch etwas erledigen will, plant das mit Blick auf die Uhr. Nach zwei Tagen hatten wir das verinnerlicht, aber am Anreisetag hat es uns fast erwischt.
Kinderwagen, Schlitten und was du oben brauchst
Im Ort selbst bewegst du dich zu Fuß, auf dem Schlitten oder mit einem der elektrischen Fahrzeuge, die Gepäck und Waren transportieren. Ein Schlitten ist dabei kein Spielzeug, sondern ein Transportmittel: Einkäufe, müde Kinder, nasse Skisachen. Wir haben uns einen gemietet und ihn jeden Tag benutzt.
Wer mit einem Baby oder Kleinkind kommt, sollte an Räder denken, die auf festgefahrenem Schnee funktionieren. Ein schmaler Buggy ist dort das falsche Gerät.
Und noch etwas, das in keinem Prospekt steht: Du kannst nicht zwischendurch schnell etwas aus dem Kofferraum holen. Was du oben brauchst, muss oben sein. Wir haben am zweiten Tag gemerkt, dass die Skibrille des Kleinen im Auto liegt, und das war dann eine Fahrt hinunter und wieder hinauf. Beim nächsten Mal habe ich das Auto vor der Abfahrt komplett leergeräumt.
Der Ort aus Kindersicht
Am zweiten Tag habe ich unsere Tochter aus den Augen verloren, weil sie mit zwei anderen Kindern zum Nachbarhaus gelaufen ist. In jedem anderen Skiort wäre mir der Puls hochgegangen. Hier war es einfach nichts, weil zwischen ihr und dem Nachbarhaus kein einziges Auto stand.
Das ist der Unterschied, den man vorher unterschätzt. Kinder bewegen sich in Braunwald anders, weil niemand ständig ruft, sie sollen an den Rand. Sie laufen mitten auf dem Weg, sie ziehen ihre Schlitten hinter sich her, und der Geräuschpegel des Ortes besteht aus Kindern und dem Surren der Elektrokarren.

Das Skigebiet: Grotzenbüel und Gumen
Vom Ort führt die Bahn hinauf nach Grotzenbüel, und dort spielt sich der Familienteil ab. Sanfte, breite Hänge, kurze Wege zwischen Lift und Hütte, und ein Gelände, das ein Kind nach einem Tag im Kopf hat. Genau das ist der Punkt: Braunwald ist so klein, dass sich sechsjährige Kinder darin zurechtfinden, ohne an jeder Kreuzung nachzufragen.
Weiter oben liegt der Gumen, von dem aus es etwas ernster wird. Für Kinder, die schon sicher fahren, ist das die Steigerung innerhalb der Woche. Mehr Auswahl gibt es nicht, und das ist die ehrliche Beschreibung dieses Gebiets.
Für Anfänger hat die geringe Größe einen konkreten Vorteil, den man erst nach ein paar Tagen bemerkt. Weil das Gelände weitgehend sanft ist, geraten Kinder kaum in eine Situation, die sie überfordert. Sie fahren nicht versehentlich in einen steilen Hang hinein, weil sie an einer Abzweigung falsch abgebogen sind. Das nimmt Eltern eine Sorge ab, die in großen Gebieten permanent mitläuft.
Für wen Braunwald nicht passt
Wenn in deiner Familie jemand fährt, der auf Kilometer aus ist, wird er hier nach zwei Tagen unruhig. Braunwald hat wenige Lifte, überschaubares Gelände und keine Verbindung in ein Nachbargebiet, weil es diese Nachbarn schlicht nicht gibt. Wer lange, anspruchsvolle Abfahrten sucht, ist im Berner Oberland oder in Graubünden besser aufgehoben.
Auch bei Restaurants, Läden und Abendprogramm ist die Auswahl klein. Das gehört zum autofreien Konzept: Alles, was oben ist, musste mit der Bahn hinauf. Wer abends Auswahl zwischen zehn Lokalen erwartet, sucht am falschen Ort.
Für Familien mit kleinen Kindern kippt genau dieser Nachteil aber ins Gegenteil. Wenig Auswahl heißt wenig Diskussion. Kurze Wege heißen, dass ein müdes Kind nach zwanzig Minuten im Warmen ist.
Skischule und die ersten Schwünge
Die Schneesportschulen heißen in der Schweiz meist Schweizer Schneesportschule und führen eigene Kindergruppen mit abgetrenntem Übungsgelände. In einem kleinen Ort wie Braunwald sind die Plätze in den Ferienwochen schnell weg, weil es eben nicht fünf Anbieter gibt. Buche parallel zur Unterkunft.
Ein Vorteil des kleinen Orts: Skischule, Piste und Unterkunft liegen so nah beieinander, dass du dein Kind hinbringst und wieder abholst, ohne dass daraus ein halber Vormittag wird. In größeren Gebieten geht dafür regelmäßig mehr Zeit drauf als für das Skifahren selbst.
Zwerg Bartli und das Märchen im Ort
Braunwald hat eine eigene Figur, den Zwerg Bartli, der einem im Ort immer wieder begegnet. Der nach ihm benannte Erlebnisweg entfaltet seine volle Wirkung in der schneefreien Zeit, aber die Figur bleibt für Kinder auch im Winter präsent, in Erzählungen und in der Gestaltung im Ort.
Dazu kommt, dass Braunwald für ein Haus bekannt ist, das sein ganzes Konzept um Märchen und Geschichten für Kinder herum gebaut hat. Das prägt den Ort spürbar. Es kommen viele Familien mit kleinen Kindern, und das merkst du daran, wer abends unterwegs ist und ab wann es leise wird.

Schlitteln und Winterwandern
Schlitteln, wie das Rodeln in der Schweiz heißt, ist in Braunwald kein Ersatzprogramm, sondern gleichberechtigt. Von Grotzenbüel führt eine Strecke hinunter Richtung Ort, und die Kinder wollten sie öfter fahren als jede Piste. Schlitten mietest du oben, was praktischer ist als das Mitbringen.
Winterwanderwege sind präpariert und gehören hier fest zum Angebot, weil ein autofreier Ort ohnehin nur aus Wegen besteht. Viele davon sind flach genug, dass ein Kind sie nach vier Skitagen noch mitgeht. Wir sind an einem grauen Nachmittag eine gute Stunde gelaufen, ohne einem einzigen Fahrzeug zu begegnen, und das war der Tag, an dem meine Frau gesagt hat, sie versteht jetzt, warum Leute hier immer wieder hinfahren.
Was das Ganze kostet
Die Schweiz ist teuer, und das gilt für Skipass, Skischule, Unterkunft und Essen gleichermaßen. Im Vergleich zu Österreich oder Italien zahlst du für eine Familienwoche spürbar mehr, daran ändert auch die Größe des Gebiets nichts. Rechne das vorher durch, dann fällt die Entscheidung mit offenen Augen.
In Braunwald kommt eine Besonderheit dazu: Was oben verkauft wird, musste mit der Bahn hinauf, und die kleine Auswahl im Ort lädt nicht zum Preisvergleich ein. Wir haben unten in Linthal beziehungsweise auf der Fahrt durchs Glarnerland eingekauft und die Kisten mit hochgenommen. Das war der größte Einzelposten an Ersparnis in der Woche. Eine Unterkunft mit Küche, Brote und Thermoskanne im Rucksack, ein bewusstes Hüttenessen statt fünf halbherziger, Halbtagespässe an den Tagen mit absehbar kurzer Kondition, und wenn möglich Wochen außerhalb der Schulferien.

Anreise: bis Linthal und dann nach oben
Mit dem Zug fährst du bis Linthal und steigst dort direkt in die Standseilbahn um. Das ist die einfachste Variante, weil du das Umladen ohnehin einmal machen musst und dir das Auto unten sparst.
Wer mit dem Auto kommt, braucht für die Schweizer Autobahnen eine Vignette, die für ein Kalenderjahr gilt und vor der Grenze oder am Übergang erhältlich ist. Unten in Linthal stellst du den Wagen ab und lässt ihn stehen. Der Klausenpass, der das Glarnerland im Sommer mit dem Kanton Uri verbindet, ist im Winter geschlossen, die Anfahrt läuft also über das Tal von Norden her.

Am Abreisetag standen wir wieder an der Bergstation, diesmal mit nasser Skikleidung und einem Kind, das nicht einsteigen wollte. Unten wartete das Auto, in dem eine Woche lang niemand gesessen hatte. Wir sind losgefahren, und beim ersten Kreisverkehr hat unsere Tochter gefragt, warum hier so viele Autos herumstehen.
Beliebte Familien-Aktivitäten in Braunwald
🏡 Familienunterkünfte in Braunwald
☀️ Praktische Tipps für euren Familienurlaub
- Vor der Buchung klären, wie das Gepäck von der Bergstation zur Unterkunft kommt, viele Häuser holen es mit Elektrofahrzeug oder Schlitten ab.
- Das Auto in Linthal vollständig ausräumen, denn nachträglich etwas zu holen bedeutet eine komplette Fahrt mit der Standseilbahn hinunter und hinauf.
- Den Fahrplan der Standseilbahn im Blick behalten, vor allem die letzte Fahrt am Abend, wenn ihr noch etwas im Tal erledigt.
- Im Glarnerland oder in Linthal einkaufen und die Vorräte mit hochnehmen, die Auswahl im autofreien Ort ist klein.
- Einen Schlitten mieten und ihn als Transportmittel nutzen, für Einkäufe, nasse Skisachen und müde Kinder.
Häufige Fragen
Wie kommt man nach Braunwald, wenn der Ort autofrei ist?
Ist Braunwald auch für ambitionierte Skifahrer geeignet?
Was bringt die Autofreiheit Familien konkret?
Was kann man in Braunwald ausser Skifahren machen?
Wie teuer ist Braunwald im Vergleich zu Österreich?
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