Der Satz, an den ich mich erinnere, kam von meinem Sohn, damals sieben, oben auf dem Baumwipfelpfad in Neuschönau. Er hatte eine halbe Stunde lang nichts gesagt, dann blieb er stehen und meinte: „Wir laufen ja im Dach vom Wald.“ Genau so ist es. Man geht auf Holzbohlen zwischen den Kronen, unter einem liegen Fichten und Buchen, und in der zweiten Oktoberwoche ist das Ganze gelb, orange und braun statt grün. Der Bayerische Wald im Herbst hat diese Momente ziemlich häufig.
Wir fahren seit Jahren in den Herbstferien dorthin, und der Grund ist banal: Es ist eine der wenigen deutschen Mittelgebirgsregionen, in der Kinder wirklich noch etwas erleben, das nach Wildnis aussieht, und die trotzdem nicht teuer ist.

Der Herbst ist hier die bessere Jahreszeit
Im Sommer ist der Nationalpark Bayerischer Wald gut besucht, im Winter geht es um Ski und Loipen. Der Oktober liegt dazwischen, und das merkt man an den Parkplätzen, an den Wanderwegen und an den Übernachtungspreisen. In Bodenmais oder Sankt Englmar bekommt man in den Herbstferien Ferienwohnungen zu Konditionen, die im August undenkbar wären.
Das Wetter ist eine eigene Sache. Der Bayerische Wald liegt hoch, der Große Arber kommt auf rund 1.450 Meter, und im Oktober kann es dort oben schon schneien, während unten in Zwiesel noch 15 Grad sind. Diese Höhenunterschiede sind das Gegenteil von einem Nachteil: Es gibt regelmäßig Tage mit Nebel in den Tälern und Sonne auf den Bergen. Wer morgens aus dem grauen Fenster schaut und deshalb im Haus bleibt, verpasst die besten Stunden.
Was Familien mit kleineren Kindern hier bekommen, sind kurze Wege. Die Orte liegen dicht beieinander, die meisten Ausflugsziele sind vom Quartier aus in unter einer Stunde erreichbar, und man muss keine Tagesetappen fahren.
Baumwipfelpfad Neuschönau
Der Baumwipfelpfad im Nationalparkzentrum Lusen bei Neuschönau ist der Klassiker der Region und das Ziel, mit dem man Kinder am zuverlässigsten überzeugt. Der Weg führt über gut anderthalb Kilometer durch die Baumkronen und endet in einem hölzernen Turm, der sich als Ei um drei lebende Bäume windet. Oben angekommen sieht man bei klarer Sicht bis zum Alpenhauptkamm.
Der ganze Pfad ist barrierefrei und mit Kinderwagen befahrbar, was ihn für Familien mit unterschiedlich alten Kindern praktisch macht. Auf der Strecke gibt es Stationen zum Ausprobieren und ein paar Abschnitte mit Netzen und schwankenden Balken, die deutlich mehr Zeit kosten als die Meterangabe vermuten lässt. Plant lieber zu viel als zu wenig ein.
Das Tier-Freigelände am Nationalparkzentrum
Direkt beim Baumwipfelpfad beginnt das Tier-Freigelände. Auf einem mehrere Kilometer langen Rundweg leben Wölfe, Luchse, Braunbären, Wisente, Elche und Wildkatzen in großen Gehegen. Der Herbst ist dabei besser als der Sommer, weil die Tiere aktiver sind und weil zur Brunftzeit die Rothirsche zu hören sind. Wölfe zu sehen ist Glückssache, aber Fischotter und Wildschweine praktisch garantiert.
Rechnet für den Rundweg mit zwei bis drei Stunden, je nachdem wie lange die Kinder vor den Gehegen stehen bleiben. Festes Schuhwerk ist sinnvoll, der Weg ist naturbelassen und nach Regen matschig. Ein zweites Freigelände dieser Art gibt es beim Nationalparkzentrum Falkenstein bei Ludwigsthal, dort mit Auerhühnern und einem begehbaren Habitat.
Der Große Arber und die Arberseen
Der Große Arber ist der höchste Berg des Bayerischen Waldes. Mit der Gondelbahn geht es fast bis zum Gipfel, oben führt der Arber-Gipfelrundweg um das Plateau, ein kurzer Weg, den auch kleinere Kinder schaffen. Bei Ostwind ist es dort oben empfindlich kalt, Mütze und Handschuhe im Rucksack sind im Oktober keine Übervorsicht.
Am Fuß des Bergs liegen der Große und der Kleine Arbersee, beide von Wald umschlossen und mit den schwimmenden Inseln eine kleine Besonderheit. Der Rundweg um den Großen Arbersee ist flach und kurz, ideal als Nachmittagsprogramm nach einem Vormittag auf dem Berg. Am Kleinen Arbersee ist es stiller, dafür ist der Zugang etwas länger.

Bodenmais: Glas, Bergwerk und ein Sommer, der auch im Herbst läuft
Bodenmais ist der Ort, in dem man landet, wenn Regen angesagt ist. Das Besucherbergwerk Silberberg führt in einen alten Stollen, in dem früher Erz abgebaut wurde. Es ist kühl, nass und dunkel, und Kinder ab ungefähr fünf finden es genau deshalb gut. Helme bekommt man vor Ort, warme Jacke selbst mitbringen, unter Tage sind es das ganze Jahr über wenige Grad.
Oberhalb liegt der Silberberg mit Sommerrodelbahn und Sesselbahn, die je nach Witterung noch bis in den Herbst läuft. Im Ort selbst sind die Glasbläsereien einen Stopp wert, Bodenmais und Zwiesel sind seit Jahrhunderten Glasorte. In mehreren Betrieben kann man den Glasmachern bei der Arbeit zuschauen, und für Kinder ist der glühende Klumpen an der Pfeife die eigentliche Attraktion, nicht die fertige Vase.

Zwiesel und das Glas
In Zwiesel steht das Waldmuseum, das die Geschichte der Glasherstellung und des Waldlebens erzählt. Interessanter für Kinder ist aber meistens die Glasfachschule oder eine der Manufakturen, in denen man selbst etwas machen darf. In der Umgebung gibt es Betriebe, bei denen Kinder unter Anleitung eine eigene Kugel blasen. Das ist kein günstiges Souvenir, aber eines, das ein Kind Jahre später noch im Regal hat.
Ein zweites Ziel in der Nähe ist die Gläserne Arche in Frauenau und das dortige Glasmuseum. Wenn ihr euch für einen Glasort entscheiden müsst: Frauenau ist das ruhigere, Zwiesel das quirligere.
Von Zwiesel aus lohnt außerdem eine Fahrt ins Zellertal oder hinauf zum Hochficht-Gebiet an der Grenze. Wer im Herbst durch die Dörfer fährt, sieht an vielen Häusern noch Erntedank-Kränze und Holzstapel, die für den Winter aufgeschichtet werden. Das klingt nach Kleinigkeit, aber es ist genau der Grund, warum Kinder die Region als anders wahrnehmen als das Zuhause.
Sankt Englmar mit dem Waldwipfelweg
Sankt Englmar liegt im südlichen Teil der Region und ist für Familien gut aufgestellt. Der Waldwipfelweg in Sankt Englmar-Maibrunn ist der kleinere Bruder des Baumwipfelpfads in Neuschönau, weniger spektakulär, dafür deutlich weniger los. Dazu gehört ein Haus, das auf dem Kopf steht, und ein naturkundlicher Bereich mit Sinnesstationen.
Im Ort selbst gibt es einen Waldspielplatz, Sommerrodelbahnen und Wanderwege, die für Grundschulkinder passend geschnitten sind. Wer eine Unterkunft mit kurzen Wegen zu Programmpunkten sucht und nicht jeden Tag ins Auto steigen will, ist hier gut aufgehoben.

Wandern mit Kindern: der Rachel und die kurzen Wege
Der Große Rachel ist nach dem Arber der zweithöchste Berg. Der Aufstieg von der Racheldiensthütte aus ist für geübte Grundschulkinder machbar, für kleinere zu lang. Die bessere Alternative ist der Rachelsee, ein dunkler Bergsee unterhalb des Gipfels, den man auf einem moderaten Weg erreicht.
Was im Bayerischen Wald besonders gut funktioniert, sind die Wege durch die abgestorbenen Fichtenbestände am Lusen. Nach dem Borkenkäferbefall stehen dort auf großen Flächen graue Baumstämme, und dazwischen wächst neuer Wald nach. Das sieht erst befremdlich aus, aber es ist die anschaulichste Naturkundestunde, die man Kindern bieten kann: Man sieht mit eigenen Augen, wie sich ein Wald selbst repariert. Die Nationalpark-Ranger bieten dazu geführte Touren an, auch spezielle Familienprogramme.
Anreise, Unterkunft und das Wetter-Problem
Die Anreise geht über die A3 bis Deggendorf und dann in die Region hinein, aus Richtung Nürnberg über Regensburg. Mit der Bahn kommt man bis Zwiesel und Bodenmais, die Waldbahn fährt von Plattling aus. Vor Ort gibt es die GUTi-Gästekarte: Wer in einem teilnehmenden Betrieb übernachtet, fährt mit Bussen und Bahnen in der Region kostenlos. Für Familien ist das ein echter Vorteil, weil man das Auto stehen lassen und trotzdem zu den Zielen kommen kann. Fragt bei der Buchung nach, ob die Unterkunft dabei ist.
Zur Ausrüstung: wasserdichte Schuhe für alle, eine Regenjacke, eine warme Schicht darunter. Der Bayerische Wald ist nicht die Küste, aber die Feuchtigkeit hält sich hier hartnäckig, und Wege im Wald trocknen langsam. Eine Thermoskanne im Rucksack ist im Oktober eine gute Idee, weil viele Hütten und Almen ihre Saison beendet haben.
- Wechselsocken, gerade bei Kindern, die durch jede Pfütze müssen
- Eine Taschenlampe für das Besucherbergwerk und dunkle Waldabschnitte
- Fernglas für das Tier-Freigelände
Wenn es durchregnet
Regentage gibt es hier, und sie sind selten nur ein paar Stunden lang. Die Rettung sind in dieser Reihenfolge: das Besucherbergwerk Silberberg, das ohnehin drinnen stattfindet. Die Erlebnisbäder in der Region, unter anderem in Zwiesel und Bodenmais. Und das JOSKA Glasparadies in Bodenmais, ein großes Areal, in dem man Glasbläsern zuschauen und durch die Hallen laufen kann, ohne Eintritt für den Rundgang.
Wenn ihr eine längere Fahrt in Kauf nehmt, liegt in Passau die Dreiflüssestadt mit Dom und Altstadt, gut eine Stunde vom Nationalparkzentrum entfernt. Für Kinder ist die Stelle spannend, an der Donau, Inn und Ilz zusammenfließen und man drei verschiedene Wasserfarben nebeneinander sieht. Das kostet nichts, dauert zehn Minuten, und die Kinder erzählen es zu Hause weiter.
Beliebte Familien-Aktivitäten in Bayerischer Wald
🏡 Familienunterkünfte in Bayerischer Wald
☀️ Praktische Tipps für euren Familienurlaub
- Fragt bei der Buchung nach der GUTi-Gästekarte, in teilnehmenden Betrieben fahrt ihr damit kostenlos mit Bus und Waldbahn.
- Fahrt bei Nebel im Tal trotzdem los, oberhalb von etwa 1.000 Metern liegt im Herbst oft die Sonne.
- Packt für das Besucherbergwerk Silberberg eine warme Jacke ein, unter Tage sind es ganzjährig nur wenige Grad.
- Plant für den Baumwipfelpfad plus Tier-Freigelände einen ganzen Tag ein, beide zusammen dauern länger als gedacht.
- Nehmt eine Thermoskanne mit, viele Hütten und Almen haben im Oktober ihre Saison schon beendet.
Häufige Fragen
Ab welchem Alter lohnt sich der Baumwipfelpfad Neuschönau?
Sieht man im Tier-Freigelände wirklich Wölfe und Luchse?
Wie kalt wird es im Oktober im Bayerischen Wald?
Kommt man im Bayerischen Wald ohne Auto zurecht?
Beliebte Ziele für den Herbsturlaub
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