Wir hatten uns an einem Oktoberabend in Federow auf eine kalte Holzbank gesetzt, Decke über den Knien, Thermoskanne dazwischen, und gewartet. Eine halbe Stunde lang passierte nichts. Dann kam der erste Trupp Kraniche über den Wald, dann der nächste, dann waren es Hunderte, und dieses trompetende Rufen lag über dem ganzen Feld. Unsere Kinder haben in dem Moment aufgehört zu reden, was bei ihnen selten vorkommt. Wer einen Herbsturlaub an der Mecklenburgischen Seenplatte plant, sollte diesen Abend fest einplanen, alles andere ergibt sich drumherum.
Die Region wird im Sommer als Badeziel vermarktet, mit Hausbooten, Stegen und vollen Häfen. Im Herbst ist sie ein anderer Ort: leerer, stiller, und in mancher Hinsicht für Familien besser.

Was den Herbst hier ausmacht
Zwischen Ende September und Anfang November rasten Zehntausende Kraniche im Müritz-Nationalpark und in der Umgebung, bevor sie weiterziehen. Das ist kein Nischenphänomen für Vogelkundler, sondern ein Naturereignis, das man mit Kindern ohne Vorwissen erleben kann, weil es laut ist, groß und direkt vor der Nase passiert.
Dazu kommt das Übliche: Die Ferienwohnungen sind nach der Hauptsaison günstiger, die Radwege gehören einem fast allein, und in den Restaurants an den Häfen bekommt man abends noch einen Tisch. Das Wetter ist ehrlich gesagt eine Wundertüte. Wir hatten schon Oktoberwochen mit T-Shirt am Mittag und solche mit Dauerregen. Deshalb funktioniert die Seenplatte im Herbst nur, wenn man einen Plan B für zwei Regentage hat.
Müritzeum in Waren: Fische, Nachtwald und ein Regennachmittag
Das Müritzeum in Waren an der Müritz nennt sich Haus der 1000 Seen und hat das größte Süßwasseraquarium Deutschlands. In der Mitte steht ein hoher Zylinder voller Maränen, die im Kreis schwimmen, davor stehen dann Kinder und schauen minutenlang zu. Es gibt Abteilungen zum Wald, zur Landschaftsentstehung und einen abgedunkelten Bereich, in dem man Nachttiere sehen kann.
Das Haus ist unser verlässlicher Regentag. Zwei bis drei Stunden bekommt man dort locker herum, mit älteren Kindern länger. Der angrenzende Herrensee lässt sich danach umrunden, das dauert nicht lang und lüftet alle wieder durch.
Waren an der Müritz selbst
Der Stadthafen von Waren ist im Herbst angenehm zu Fuß zu machen. Die Fahrgastschiffe der Weißen Flotte fahren auch außerhalb der Hauptsaison, allerdings nach reduziertem Plan, und eine Rundfahrt über die Müritz ist für Kinder oft spannender als jede Wanderung. Die Altstadt oberhalb des Hafens ist klein, dafür schnell abgehakt, mit einem Eis in der Hand geht das gut.
Kraniche beobachten: wo es wirklich klappt
Der bekannteste Ort ist die Beobachtungsstelle in Federow bei Waren. Dort gibt es eine Informationsstelle des Nationalparks, ein Kamerabild vom Adlerhorst und in der Kranichsaison geführte Beobachtungsabende. Ein zweiter guter Punkt ist der Beobachtungsturm am Rederangsee, den man von Federow aus erreicht.
Drei Dinge, die den Unterschied machen: Ein Fernglas pro Familie reicht nicht, wenn zwei Kinder dabei sind, nehmt zwei mit. Zieht euch wärmer an, als das Thermometer nahelegt, weil man eine Stunde still sitzt. Und geht nicht in die Felder, sondern bleibt an den ausgewiesenen Plätzen, sonst schreckt ihr die Vögel auf und alle anderen haben nichts davon. Die Ranger des Nationalparks sagen einem gern, wo an dem Abend die besten Chancen stehen.

Müritz-Nationalpark mit Kindern
Der Nationalpark ist für Autos weitgehend gesperrt, was ihn für Familien angenehm macht. Von Federow, Boek oder Speck aus führen ebene Wege ins Gebiet, und viele Familien nehmen Fahrräder mit oder leihen welche vor Ort. Der Untergrund ist teils gepflastert, teils sandig, mit Kinderanhänger geht es, mit dem Laufrad wird es zäh.
Im Serrahner Teil des Nationalparks bei Neustrelitz stehen alte Buchenwälder, die zum UNESCO-Weltnaturerbe gehören. Das ist nicht spektakulär im Sinne von Attraktion, sondern ein sehr ruhiger, sehr alter Wald mit umgestürzten Stämmen und Pilzen. Für Kinder, die gern suchen und klettern, ist das ein guter Vormittag, für Kinder, die Programm brauchen, eher nicht.
Bärenwald Müritz bei Stuer
Zwischen Plau am See und Röbel liegt der Bärenwald Müritz, ein Schutzzentrum für Braunbären, die aus schlechten Haltungen stammen. Das Gelände ist großzügig, die Bären haben viel Platz und sind deshalb nicht immer sichtbar, worauf man Kinder vorher vorbereiten sollte. Im Herbst stehen die Chancen aber gut, weil die Tiere vor der Winterruhe viel fressen und aktiv sind.
Der Rundweg ist gut ausgebaut und lässt sich mit Kinderwagen machen. Rechnet mit ein bis zwei Stunden.
Plau am See: Hubbrücke, Burgturm und Elde
Plau am See ist kleiner als Waren und wirkt im Herbst fast verschlafen. Die alte Hubbrücke über die Elde wird zu bestimmten Zeiten für Boote angehoben, das kann man sich ansehen, wenn man den Zeitpunkt erwischt. Dahinter liegt die Schleuse, an der Kinder problemlos eine halbe Stunde stehen und zuschauen.
Der Burgturm mitten im Ort lässt sich besteigen, die Treppe ist eng und für sehr kleine Kinder unbequem, ab etwa sechs Jahren geht das. Von oben sieht man den See und die Dächer, und danach hat man das Argument für ein Eis.

Röbel und der Blick von den Kirchtürmen
Röbel liegt am Westufer der Müritz und hat zwei Kirchen, deren Türme man besteigen kann. Der Blick über den See ist von dort weiter als von jedem Steg. Der Hafen von Röbel ist im Herbst ruhig, es gibt einen Spielplatz in Wassernähe, und die Uferpromenade ist kurz genug, dass sie niemanden überfordert.
Ein paar Kilometer außerhalb liegen Badestellen, die im Oktober natürlich niemand mehr nutzt, aber für Steinesammler und Hundebesitzer gute Ziele bleiben. Für einen Regentag gibt es in Röbel die Müritz-Therme mit Innenbecken und Rutsche.
Schliemanns Kindheitsdorf in Ankershagen
In Ankershagen zwischen Waren und Neustrelitz steht das Heinrich-Schliemann-Museum im ehemaligen Pfarrhaus, in dem der spätere Troja-Ausgräber aufgewachsen ist. Für Erwachsene ist es ein Museum über Archäologie und einen streitbaren Mann. Für Kinder ist es vor allem das begehbare Trojanische Pferd im Garten und die Mitmachbereiche, in denen man selbst graben und sortieren kann.
Das Haus ist überschaubar, ein Vormittag reicht. In der Nähe liegt der Havelquellsee bei Kratzeburg, dort beginnt die Havel als schmaler Wasserlauf, den man an einer Stelle einfach überschreiten kann. Kinder finden es lustig, einen ganzen Fluss mit einem Schritt zu queren.
Neustrelitz, Burg Stargard und ein Umweg
Am Südrand der Seenplatte liegt Neustrelitz mit einem barock angelegten Stadtgrundriss, von dessen Marktplatz acht Straßen sternförmig weggehen. Der Schlossgarten am Zierker See lässt sich mit Kindern gut ablaufen, das Schloss selbst gibt es nicht mehr, nur die Orangerie und den Park. Für einen ruhigen Nachmittag reicht das, für ein Tagesprogramm nicht.
Interessanter ist für die meisten Kinder die Burg Stargard südöstlich von Neubrandenburg, die älteste erhaltene Höhenburg Norddeutschlands. Es gibt Türme zum Besteigen, einen Burghof und Mauern, an denen man entlanglaufen kann. Wer im Anschluss noch Zeit hat, fährt nach Neubrandenburg: Die mittelalterliche Stadtmauer umläuft die Innenstadt fast vollständig, mit kleinen Fachwerkhäuschen darin, den Wiekhäusern, und den vier großen Toren. Der Rundgang auf dem Wall dauert etwa eine Stunde und ist mit Kinderwagen machbar.

Kanu statt Hausboot
Hausbooturlaub ist die bekannteste Art, die Seenplatte zu erleben, und ohne Führerschein möglich, weil man vor Ort in die Bedienung eingewiesen wird. Im Herbst ist das mit kleinen Kindern eine Wetterwette. Wir haben stattdessen gute Erfahrungen mit halben Kanutagen gemacht: In Kratzeburg und Umgebung gibt es Verleiher, die kürzere Strecken auf der oberen Havel anbieten, ruhige Wasserläufe zwischen Schilf und Erlen.
Wichtig sind Schwimmwesten in der richtigen Kindergröße, Wechselkleidung in einem wasserdichten Sack und die ehrliche Einschätzung, wie lange die Kinder wirklich stillsitzen. Zwei Stunden auf dem Wasser sind mit Grundschulkindern realistisch, ein Tagesausflug endet meist im Streit.

Anreise und was ihr einpackt
Mit dem Auto führt die A19 von Berlin oder Rostock kommend direkt an der Seenplatte vorbei, Waren und Röbel haben eigene Abfahrten. Mit der Bahn erreicht ihr Waren und Neustrelitz gut, vor Ort wird es dann dünner, im Sommerhalbjahr fahren Nationalparkbusse, deren Betrieb im Herbst ausläuft. Ohne Auto braucht ihr eine Unterkunft in Laufnähe zum Ort und Fahrräder.
Packliste aus Erfahrung: Gummistiefel für alle, weil die Wege nach Regen matschig sind. Warme Mützen für die Kranichabende. Ein Fernglas oder zwei. Und Reflektorbänder, wenn ihr abends von einer Beobachtungsstelle zurücklauft, weil die Landstraßen dort unbeleuchtet sind und Autos schnell fahren.
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☀️ Praktische Tipps für euren Familienurlaub
- Für die Kranichbeobachtung zwei Ferngläser mitnehmen, eines reicht bei zwei Kindern nie.
- Auf den Beobachtungsplätzen bleiben und nicht in die Felder gehen, sonst fliegen die Vögel auf.
- Kanutouren auf zwei Stunden begrenzen, längere Strecken überfordern Grundschulkinder.
- Gummistiefel einpacken, die Wege im Nationalpark sind nach Regen tief und matschig.
- Reflektorbänder für den Rückweg von Abendbeobachtungen, die Landstraßen sind unbeleuchtet.
Häufige Fragen
Wann kann man an der Müritz Kraniche sehen?
Wo beobachtet man die Kraniche am besten mit Kindern?
Was kann man an der Seenplatte bei Regen unternehmen?
Lohnt sich ein Hausboot im Herbst mit Kindern?
Kommt man ohne Auto an der Mecklenburgischen Seenplatte zurecht?
Beliebte Ziele für den Herbsturlaub
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