Als wir im Oktober auf Rügen waren, lagen wir am dritten Tag flach. Nicht krank, sondern platt vom Wind. Wir waren morgens am Strand von Binz gelaufen, mittags mit dem Rasenden Roland gefahren, nachmittags auf dem Hochuferweg. Abends saßen alle vier mit roten Wangen in der Ferienwohnung, die Kinder haben freiwillig um halb acht ins Bett gefragt. Genau so hatte ich mir einen Herbsturlaub auf Rügen mit Kindern vorgestellt.
Rügen im Sommer ist voll. Die Seebrücken sind voll, die Strandkörbe sind vergeben, der Parkplatz in Binz ist eine Geduldsprobe. Im Oktober ist von alldem wenig übrig, und die Insel zeigt eine andere Seite: raues Wasser, umgeworfene Strandkörbe, Bernstein zwischen den Muscheln.

Der Herbst hat auf Rügen zwei Gesichter
September und die erste Oktoberhälfte bringen häufig noch milde Tage, an denen man mit Jacke am Strand sitzen kann. Danach kippt es meist. Ende Oktober und im November wird es windig, das Wasser wird grau, und wer nicht wetterfest angezogen ist, hat auf dem Hochuferweg keine Freude.
Beides hat für Familien Vorteile. Die Unterkünfte sind außerhalb der Herbstferien deutlich günstiger als im Juli, Restaurants nehmen einen ohne Reservierung, und Kinder finden Sturm meistens großartig, solange sie danach warm duschen können.
Ein Hinweis zur Planung: Die Herbstferien in Mecklenburg-Vorpommern und in mehreren westdeutschen Bundesländern überschneiden sich, in dieser Woche ist Rügen wieder gut gefüllt. Wer flexibel ist, legt den Urlaub davor oder danach.
Rasender Roland: die Schmalspurbahn quer über die Insel
Die Kleinbahn fährt seit über hundert Jahren mit Dampf zwischen Putbus, Binz, Sellin, Baabe und Göhren. Sie ist laut, sie riecht nach Kohle, sie ist langsam, und Kinder lieben sie genau dafür. Die Fenster lassen sich öffnen, was man aus zwei Gründen tut: um besser zu sehen und um sich Ruß ins Gesicht wehen zu lassen.
Für Familien ist die Bahn mehr als eine Attraktion, sie ist echte Fortbewegung. Man kann in Binz einsteigen, im Jagdschloss Granitz aussteigen, dort wandern und zwei Stunden später weiterfahren. Der Fahrplan ist im Herbst dünner als im Sommer, deshalb lohnt sich ein Blick darauf, bevor man loszieht. Mit Kinderwagen wird es in den alten Waggons eng.

Jagdschloss Granitz und der Wald drumherum
Das Jagdschloss Granitz steht auf dem höchsten Punkt Ostrügens, mitten im Buchenwald. Innen führt eine gusseiserne Wendeltreppe im Mittelturm nach oben, offen, schmal und steil. Kinder mit Höhenangst sollte man nicht überreden, alle anderen rennen hoch und stehen dann über den Baumkronen.
Der Weg vom Bahnhaltepunkt zum Schloss geht bergauf durch den Wald und dauert eine gute Viertelstunde. Im Oktober liegt Laub auf dem Weg, es ist rutschig, feste Schuhe helfen. Wer nicht laufen will, kann den Wagen des Jagdschlossexpress nehmen, der zwischen Binz und dem Schloss pendelt.
Königsstuhl und die Kreideküste
Der Königsstuhl im Nationalpark Jasmund ist der bekannteste Punkt der Insel. Seit einigen Jahren führt statt der alten Plattform ein umlaufender Steg über die Klippe, von dem aus man auf den Felsen schaut, statt darauf zu stehen. Das Nationalpark-Zentrum daneben hat einen guten Kinderbereich mit Mitmachstationen und ist gleichzeitig die Rückfallebene, wenn das Wetter kippt.
Ans Zentrum kommt man im Regelfall nicht mit dem eigenen Auto direkt heran, sondern über den Parkplatz in Hagen und einen Shuttlebus, oder zu Fuß beziehungsweise mit dem Bus von Sassnitz aus. Die Strecke auf dem Hochuferweg von Sassnitz Richtung Königsstuhl ist die schönere Variante, aber mit kleineren Kindern lang. Wir sind ein Stück gelaufen, umgedreht und beim nächsten Mal mit dem Bus gefahren, das war ehrlicher.
Runter zum Strand unter den Klippen
An mehreren Stellen führen Treppen und steile Wege von oben zum Strand, etwa in Sassnitz oder bei Lohme. Unten liegt Feuerstein, Kreide und mit etwas Glück Bernstein, besonders nach stürmischen Tagen. Kinder sammeln dort stundenlang. Haltet Abstand zur Steilwand: Von der Kreideküste brechen regelmäßig Stücke ab, und das passiert ohne Vorwarnung, besonders nach Regen und Frost.
Sellin, Binz und die Seebrücken
Die Seebrücke von Sellin mit ihrem Brückenhaus ist das meistfotografierte Bauwerk der Insel. Interessanter für Kinder ist die Tauchgondel am Kopf der Brücke, eine Kabine, die mit Besuchern in die Ostsee abgesenkt wird. Man sitzt in etwa vier Metern Tiefe und schaut durch Bullaugen ins trübe grüne Wasser. Spektakulär im Sinne von Korallenriff ist das nicht, aber die Vorstellung, unter der Ostsee zu sitzen, wirkt bei Kindern zuverlässig. Die Gondel fährt saisonabhängig und bei zu hohem Wellengang gar nicht.
Binz ist der größere Ort, mit langer Strandpromenade, Kurpark und einer Bäderarchitektur, die im leeren Oktober besser wirkt als im vollen Juli. Für den Spielplatz und ein Eis reicht ein Nachmittag.
Prora: Baumwipfelpfad und ein sehr langes Gebäude
In Prora steht der Gebäudekomplex, den die Nationalsozialisten als Seebad für Zehntausende geplant und nie fertiggestellt haben. Teile davon sind heute saniert, Teile stehen leer. Mit älteren Kindern lässt sich das gut besprechen, das Dokumentationszentrum vor Ort ordnet es ein. Für Grundschulkinder ist das meist zu abstrakt, für sie ist es einfach ein sehr langes Haus.
Gleich nebenan liegt das Naturerbe Zentrum Rügen mit einem Baumwipfelpfad, der in einer Spirale zu einem Aussichtsturm hochführt. Der Weg ist barrierearm, Kinderwagen kommen mit, und unterwegs gibt es Stationen zum Ausprobieren. Bei Sturm kann der Pfad geschlossen sein.

Kap Arkona und das Fischerdorf Vitt
Ganz im Norden liegt Kap Arkona mit seinen Leuchttürmen. Der kleinere, ältere wurde von Karl Friedrich Schinkel gebaut und lässt sich besteigen, ebenso der Peilturm. Autos müssen in Putgarten stehen bleiben, von dort läuft man gut anderthalb Kilometer, oder man nimmt eine der Bimmelbahnen, die zwischen Parkplatz und Kap pendeln.
Vom Kap führt ein Küstenweg hinunter nach Vitt, einem winzigen Fischerdorf mit reetgedeckten Häusern in einer Schlucht. Der Weg ist auch mit Kindern machbar, im Herbst allerdings zugig. In Vitt gibt es einen kleinen Hafen und geräucherten Fisch, mehr braucht es dort nicht.
Mönchgut: Göhren, Thiessow und das Nordperd
Die Halbinsel Mönchgut ganz im Südosten ist der Teil Rügens, der am wenigsten nach Seebad aussieht. Schmale Landzungen, Steilufer, Wiesen mit Schafen, dazwischen kleine Orte. Die Endstation des Rasenden Roland in Göhren ist ein guter Ausgangspunkt: Vom Ort führt ein Weg zum Nordperd, einer Steilküste, an der man weit über das Wasser sieht und an der es fast immer bläst.
In Göhren gibt es außerdem einen Museumshof mit alten Bauernhäusern und Gerät zum Anschauen, das ist klein und lässt sich in einer Stunde machen. Thiessow ganz an der Spitze ist noch ruhiger, mit einer Landzunge, an der auf beiden Seiten Wasser liegt. Kinder finden diesen Gedanken großartig, und der Strand dort ist im Oktober komplett leer.

Wenn es tagelang regnet
Rügen hat für Schlechtwetter mehr Optionen, als man erwartet. In Sellin gibt es ein Erlebnisbad mit Rutschen, das einen Nachmittag füllt. Im Hafen von Sassnitz liegt ein ausgemustertes britisches U-Boot, das man von innen besichtigen kann, eng, dunkel und bei Kindern ab etwa acht Jahren ein Treffer. In Zirkow bei Bergen liegt ein Erlebnisdorf mit Indoor-Bereich, Rutschen und Bauernhofcharakter, das vor allem für jüngere Kinder gemacht ist.
Wer Kreide nicht nur als Klippe erleben will, findet in Gummanz ein kleines Museum in einem ehemaligen Kreidebruch, in dem Kinder nach Fossilien suchen dürfen. Das ist überschaubar, aber gut gemacht.

Anreise, Ausrüstung, Alltag
Rügen ist über den Rügendamm bei Stralsund mit dem Festland verbunden, mit dem Auto also unkompliziert erreichbar. Züge fahren bis Binz, Sassnitz und Bergen auf Rügen, wer ohne Auto kommt, kombiniert Bahn, Inselbusse und den Rasenden Roland. Das funktioniert, verlangt aber Planung, weil die Takte im Herbst ausdünnen.
Zur Kleidung: Der Wind auf Rügen ist im Oktober das eigentliche Thema, nicht die Temperatur. Eine winddichte Jacke schlägt jede dicke Fleecejacke, dazu Mütze, weil Kinder an den Ohren als Erstes frieren. Wir hatten immer ein Handtuch und ein trockenes Paar Socken im Auto, das hat sich mehrfach ausgezahlt. Und packt einen Beutel für Steine ein, sonst landet die Feuersteinsammlung in euren Jackentaschen.
Beliebte Familien-Aktivitäten in Rügen
🏡 Familienunterkünfte in Rügen
☀️ Praktische Tipps für euren Familienurlaub
- Herbstferien-Wochen meiden, dann ist Rügen wieder voll, davor oder danach wird es deutlich ruhiger.
- Fahrplan des Rasenden Roland vorher prüfen, im Herbst fährt er seltener als im Sommer.
- Am Strand unter der Kreideküste Abstand zur Steilwand halten, es brechen regelmäßig Stücke ab.
- Winddichte Jacke und Mütze schlagen jede dicke Fleecejacke, der Wind ist das eigentliche Thema.
- Handtuch, trockene Socken und einen Beutel für Steine im Auto lassen.
Häufige Fragen
Lohnt sich Rügen im Herbst mit Kindern?
Fährt der Rasende Roland auch im Herbst und Winter?
Wie kommt man mit Kindern zum Königsstuhl?
Was macht man auf Rügen bei Dauerregen?
Kann man im Herbst auf Rügen Bernstein finden?
Beliebte Ziele für den Herbsturlaub
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